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Als Hochsensibler mit den Öffis fahren – 14 Tipps

Öffentliche Verkehrsmittel. Für viele hochsensible und hochsensitive Menschen eine tägliche, kraftraubende Herausforderung. Aber muss das so, oder geht es auch anders? 14 Tipps, nicht nur für HSPler, die deine nächste Fahrt entspannter machen.

Vielleicht kennst du diese oder eine ähnliche Situation. Du sitzt in der U-Bahn. Der Mann neben dir wirkt gestresst und niedergeschlagen. Was ihm wohl an diesem Tag bevorsteht? Gegenüber trägt eine Frau einen farbigen Schal, der sich extrem mit ihrem Lippenstift beißt. Einige Reihen weiter führt jemand am Telefon ein Streitgespräch. Die junge Mutter versteht nicht, wieso ihr Kind weint und schafft es nicht, es zu beruhigen. An der Tür steht ein Mann und führt Selbstgespräche. Und zu allem Überfluss ist an der letzten Station jemand eingestiegen, dessen Geruch du kaum ertragen kannst.

Du willst nur noch raus. Raus an die frische Luft. Dorthin, wo es ruhig ist. Wo keine Menschen mit ihren Empfindungen in deine Gefühle drängen. Du sitzt in der U-Bahn, wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit oder zur Uni. Du hast noch drei Stationen vor dir und weißt schon jetzt: danach startest du nicht frisch erholt und gut gelaunt in deinen Arbeitstag. Kurz gesagt: mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren würdest du am liebsten umgehen. Du fragst dich: 

„Wieso kann man sich eigentlich noch nicht beamen?“

Menschen wie du und ich, hochsensibel, hochsensitiv, sehr empfindsam und empfänglich für alle Einflüsse in unserer Umgebung. Für uns können besonders die öffentlichen Verkehrsmittel eine scheinbar unschaffbare Herausforderung sein.

Doch aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen: Das muss nicht so sein. Es gibt Mittel und Wege, den meist unumgänglichen Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ihren Schrecken zu nehmen. Ja, sogar gelassen durch deine Stadt zu kommen. Ich selber fahre jeden Tag mit der U-Bahn quer durch Berlin (ja, liebe Berliner, die wunderschöne U7 und U8 mit Umstieg am Hermannplatz….). Es gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Doch ich habe es geschafft, dass es mich nicht mehr stresst, mir nicht meine Energie raubt und ich nicht zwanghaft versuche, es zu vermeiden. Es gibt sogar Momente, in denen ich es genieße. Wie ich das geschafft habe und wie auch du es schaffen kannst, verrate ich dir in den folgenden 14 Tipps.

1. Gib dir was auf die Ohren

Ich gehe nie ohne Kopfhörer und Musik aus dem Haus. Das hat gleich mehrere Gründe. Erstmal dämpfen Kopfhörer die Aussengeräusche. Manchmal habe ich beim Lesen anspruchsvollerer Texte tatsächlich einfach nur die Kopfhörer ohne Musik auf den Ohren. So kann ich der Reizüberflutung entgegenwirken und mich besser fokussieren. Meistens höre ich unterwegs jedoch tatsächlich Musik. Musik hat eine sehr starke Wirkung auf die Stimmung und so kannst du selber beeinflussen, in welcher Gefühlslage du gerade unterwegs sein möchtest. Insbesondere wenn du sehr empfänglich für die Stimmungen anderer bist, ist dies eine super Lösung.

Auch klasse für unterwegs sind Podcasts. Suche dir welche zu Themen, die dich interessieren. Mittlerweile gibt es so viele klasse Podcasts zu unendlich vielen Themen, dass du auf jeden Fall fündig wirst. Themen deiner Wahl helfen dir nicht nur, in einer positiven Stimmung zu sein, du richtest deine Konzentration auch ganz gezielt auf von dir bewusst gewählten Input. Signale von aussen haben so weniger Chance, dich zu beeinflussen. Egal ob mit oder ohne Musik bzw. Podcast, tauche in deine Welt ab, so kannst du die Eindrücke und Stimmungen der anderen und ihre Unterhaltungen bei Bedarf ein wenig ausblenden.

2. Nutze die Zeit zum Lesen

Lesen ist meine Lieblingsbeschäftigung in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Egal ob Buch oder Ebook. Wähle das, was dir besser gefällt und worauf du dich leichter konzentrieren kannst. Probiere aus, ob du dich auf sehr anspruchsvolle Texte konzentrieren kannst. Oder wähle leichtere Lektüre. Blogartikel und Unterhaltungsliteratur sind nur zwei Beispiele, die sich aus meiner Erfahrung wunderbar eignen.

3. Beschäftige dich

Du liest nicht gerne oder dir fällt es schwer, dich in den Öffis aufs Lesen zu konzentrieren? Probiere es doch einmal mit schreiben. Schreibe deine Gedanken auf. Mache Pläne. Erstelle eine ToDo-Liste. Schreibe eine Kurzgeschichte. Oder die Notizen für deinen nächsten Blogartikel. Rate mal, wo die Ideen für diesen Artikel entstanden sind? Richtig, meist morgens in der vollen U-Bahn. Du schreibst gerne per Hand? Super, Notizbuch und Stift passen eigentlich immer in die Handtasche oder den Rucksack. Du magst es lieber digital? Je nach Inhalt gibt es hierfür verschiedene Apps für dein Smartphone (Notizen, Trello, Wunderlist, Evernote…).

4. Mach dir Gedanken zu deiner Kleidung

Passe deine Kleidung deinen Bedürfnissen an. Ich brauche zum Beispiel Kleidung, die zwischen meiner Haut und dem Sitz ist. Also keine kurzen Röcke oder Hosen. Zumindest wenn ich sitzen möchte. Habe etwas zum überziehen dabei, falls ein Busfahrer mal wieder verliebt in die Klimaanlage ist. Und umgekehrt: zieh dich so an, dass du etwas ausziehen kannst. Denn nichts ist schlimmer, als schwitzend in der Bahn zu sitzen und nichts ausziehen zu können. Zwiebellook ist perfekt geeignet für die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

5. Finde deinen Lieblingsplatz

Such dir deinen Sitzplatz aus. Wo sitzt du am liebsten? Am Gang oder am Fenster? In Fahrtrichtung oder ist dir das völlig egal? Im Luftzug vom Fenster oder besonders dicht bei der Tür? Schau auch, neben wen du dich setzt. Es gibt einfach Menschen, mit denen möchte man nicht auf so engem Raum in Berührung kommen. Und das ist völlig okay. Hier übrigens auch wieder entscheidend: die Kleiderwahl. Denn eine Berührung durch die Jacke ist etwas völlig anderes, als auf nackter Haut. Und wenn du keinen passenden Sitzplatz siehst? Dann bleib einfach stehen. Es ist übrigens auch völlig okay, den Platz zu wechseln oder wieder aufzustehen, wenn du feststellst, dass dein Nebensitzer dir unangenehm ist. Begieb dich auf Entdeckungstour zu deinem idealen Sitzplatz.

…eine Berührung durch die Jacke ist etwas völlig anderes, als auf nackter Haut…

6. Plane einen zeitlichen Puffer ein

Plane genug Zeit ein, um gegebenenfalls aussteigen und eine Bahn oder einen Bus später nehmen zu können. Es gibt einfach Situationen, da tust du dir keinen Gefallen, wenn du krampfhaft sitzen bleibst. Es riecht komisch (die Berliner kennen das zu Genüge…)? Steig aus und nimm die nächste Bahn. Der Busfahrer hat einen unmöglichen Fahrstil? Steig aus und nimm den nächsten Bus. Im Abteil herscht eine aggressive Stimmung? Steig aus und… du kennst das Spiel.

Ich meine damit nicht, dass du jeder kleinen Unannehmlichkeit aus dem Weg gehen sollst. Aber wenn es dich zu viel Energie kostet zu bleiben, dann ist es gut, wenn du einen Puffer hast und einfach eine Bahn später nehmen kannst. Ausserdem ist es viel entspannter mit einem Puffer zu fahren. So vermeidest du Stress und kannst ganz entspannt fahren. Mein Puffer beträgt je nach Strecke zwischen 5 und 15 Minuten. Das ist absolut ausreichend und ich muss am Ende nicht ewig am Ziel warten.

7. Nutze deine bevorzugten Verkehrsmittel

Welches sind deine bevorzugten Verkehrsmittel und welche magst du gar nicht? Es liegt viel daran, was wir gewohnt sind oder welche Erfahrungen wir gemacht haben. Wenn du auf einer Strecke wählen kannst, dann nimm doch die Verlehrsmittel, die du lieber magst. Vielleicht brauchst du da 5 oder 10 Minuten länger. Doch wenn du dadurch entspannt ankommst, ist es das allemal Wert.

8. Richte deinen Fokus auf die richtigen Menschen

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind so viele Menschen unterwegs. Und ganz viele von ihnen sind klasse Menschen, die eine tolle Energie ausstrahlen. Allen voran die Kinder. Wenn du dich auf diese Menschen konzentrierst, machst du dir deine Fahrt deutlich angenehmer. Schau dich aktiv um und mach dich auf die Suche nach genau diesen Menschen. Richte deinen Fokus auf sie. Ich bin sicher, du wirst überrascht sein, wie viele du plötzlich von ihnen siehst. Meine liebsten Mitfahrer sind definitiv Kinder. Die Lächeln eigentlich immer zurück und das Leuchten in ihren Augen tut besonders uns Hochsensiblen und Hochsensitiven extrem gut.

9. Kenne deinen Weg

Schau dir vorher deine Strecke an. Wo musst du aussteigen, welche Station kommt davor, zu welcher Uhrzeit bist du dort? All das sind Dinge, die dir Sicherheit geben. Du musst nicht bei jeder Ansage hochschrecken und überpürfen, ob du schon aussteigen musst. Stattdessen kannst dich ganz entspannt auf deine Musik oder andere Beschäftigungen konzentrieren.

10. Bleib locker und entspannt

Stresse dich nicht mit etwas, das vielleicht irgendwann passieren könnte. Geh entspannt an die Sache heran und reagiere nur dann, wenn tatsächlich etwas passiert. Es macht meiner Erfahrung nach einen riesigen Unterschied, ob du angespannt und in Erwartung all der schrecklichen Dinge und Menschen mit den Öffentlichen fährst. Oder ob du locker und entspannt bist, dich vorbereitet hast und darauf vertraust, dass du mit allem was kommt, umgehen kannst.

11. Fahre aktiv, nicht passiv

Ähnlich wie der vorherige Punkt. Gib den Öffis nicht so viel Macht über dich, deine Stimmung und den Rest deines Tages. Du kannst selber bestimmen, wie du mit den Situationen umgehst. Es gibt nicht „die Bösen öffentlichen Verkehrsmittel“. Es ist alles eine Frage deiner Bewertung und wieviel Raum du dem gibst.

12. Du bist hochsensibel und/oder hochsensitiv. Nutze das!

Nutze deine Fähigkeiten. Beobachte Menschen. Vielleicht macht es dir Spaß, dir eine Geschichte zu ihnen auszudenken. Oder du lächelst der gestresst wirkenden Person dir gegenüber zu und spürst, wie sie dadurch sichtlich entspannt. Fortgeschrittene nutzen die Fahrten, um sich in Abgrenzung zu trainieren. Probiere aus. Sieh es als Spiel.

13. Lerne von den „Profis“

Unter deinen Freunden sind bestimmt Menschen, die völlig entspannt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Lerne von ihnen. Fahr mit ihnen zusammen und frage sie, wie sie mit den Situationen die dich ganz konkret stressen, umgehen. Ein Perspektivwechsel und die Strategien anderer können uns enorm weiter bringen. Und gemeinsam fahren macht die Fahrt oft allein durch die Gesellschaft schon viel angenehmer und entspannter.

14. Die Öffentlichen Verkehrsmittel sind ein Geschenk

„Die Bahn ist schon wieder zu spät.“, „Der Bus fährt nur alle 20 Minuten.“, „Da ist immer alles so dreckig.“, „Wieso schaffen die es eigentlich nie, den Fahrplan einzuhalten.“. Wer kennt diese Aussagen oder hat sie vielleicht selbst schon gemacht? Über die öffentlichen Verkehrsmittel zu schimpfen ist, zugegeben, recht einfach. Dabei sind sie so ein großes Geschenk. Sie bringen dich zu so ziemlich jedem Ort, zu dem du möchtest. Sie bringen dich zu geliebten Menschen. Zu geliebten Tätigkeiten. Ja, ganz ehrlich, sie sind ein riesen großes Geschenk. Teste mal, was dieser Gedanke mit dir macht, wenn du das nächste Mal unterwegs bist.

So aufgelistet klingt das, als würde ich mir ganz schön viele Gedanken um jede einzelne Bahn- oder Busfahrt machen. Tatsächlich musste ich aber ganz bewusst beobachten, welche Strategien ich anwende. Denn mitlerweile sind sie völlig zur Gewohnheit geworden. Lediglich das Aussteigen ist eine ganz bewusste Entscheidung in dem Moment. Alles andere passiert quasi automatisch.

Was bedeutet das für dich? Entspanntes Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kannst du trainieren. Übe es regelmäßig, gehe mit Spaß an die Sache ran und eines Tages stellst du plötzlich fest, dass es gar keine Schwierigkeit mehr ist.

Dein nächster Schritt:

Suche dir für deine nächste Fahrt einen der 14 Punkte raus und teste mal ganz bewusst, welchen Einfluss es auf deine Fahrt hat.

Und nun bin ich neugierig. Ist Bahn und Bus fahren für dich überhaupt eine Herausforderung? Verrate mir in den Kommentaren, welche Tipps du noch hast und wie du deine Fähigkeiten vielleicht sogar bewusst nutzt.

Alles Liebe, deine Esther

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