Verzeihen hat zu 100% mit dir zu tun

Das Thema Verzeihen ist nicht nur ein wichtiges Thema, sondern auch ein sehr präsentes. Es taucht immer wieder in persönlichen Gesprächen auf. So ziemlich jeder kann etwas dazu beitragen und eine Geschichte erzählen. Meist beinhalten diese Geschichten jedoch nicht das Verzeihen selber, sondern enden oder beginnen mit „Das kann ich ihm/ihr niemals verzeihen!“ oder „Das ist unverzeihlich!“. Zielführend ist diese Behandlung des Themas nicht. Schauen wir es uns doch einmal aus einer etwas anderen Perspektive an.

Begriffsdefinition

Bevor wir voll in das Thema einsteigen, schauen wir doch mal, was Google bei der Suche „Verzeihen Definition“ ausspuckt. Zuerst kommt der Wörterbucheintrag. Dort steht:

„sagen, dass man jmds. Fehler, Schuld oder Vergehen vergessen und nicht mehr erwähnen will, weil man seine Entschuldigung angenommen hat.“

Hier wird von Schuld gesprochen. Die Schuld liegt beim Gegenüber und indem ich seine Entschuldigung annehme, nehme ich die Schuld von ihm. Ich vergesse es und spreche nicht mehr drüber.

Um zu verzeihen gibt es laut dieser Definition an beide Seiten Erwartungen:

  • der eine muss sich entschuldigen
  • der andere muss nach Annahme der Entschuldigung das Geschehene vergessen und darf nicht mehr drüber sprechen

Klingt für mich erstens sehr reaktiv, denn der andere muss sich ja zuerst entschuldigen, vorher kann ich nicht verzeihen. Zweitens ziemlich unmöglich, da man viele Dinge schlichtweg nicht vergessen kann. Vor allem, da unser Gehirn besonders emotionale Erlebnisse auch besonders gut abspeichert. Und drittens nicht unbedingt sinnvoll, denn wenn ich über etwas nicht reden darf, ist dort automatisch eine Abwehrhaltung, und die passt in meinen Augen nicht zum wirklichen verzeihen.

Der nächste Eintrag ist von Wikipedia und sagt folgendes:

„Vergebung ist der Verzicht einer Person, die sich als Opfer empfindet, auf den Schuldvorwurf. Dieser primär innerseelische Vorgang kann unabhängig von Einsicht und Reue des Täters vollzogen werden.“

Quelle: Wikipedia

Hier taucht der Opferbegriff auf. Die betroffene Person sieht sich als Opfer. Der Rest der Beschreibung gefällt mir aber schon deutlich besser.

  • das Vergeben wird losgelöst von einer Entschuldigung oder Einsicht als aktives Verhalten des Betroffenen beschrieben
  • Es geht nicht um „vergessen und nicht mehr drüber sprechen“ sondern um das Bewältigen

Doch warum schaue ich überhaupt, was Google und Wikipedia dazu sagen? Weil es häufig zeigt, was allgemein darunter verstanden wird und sich bei genauem Hinsehen auch erste Ansatzpunkte offenbaren.

Vom „Du musst“ hin zum „Ich will“

Wie du schon rauslesen konntest, tu ich mich schwer mit dem Begriff „Opfer“, denn es bringt denjenigen in eine passive Position. Viel besser gefällt mir der Begriff „Betroffener“. In meiner Wahrnehmung lässt er viel mehr Freiraum für das eigenverantwortliche Bewerten einer Situation und das eigenverantwortliche Handeln in oder nach einer Situation. Worte sind sehr machtvoll und ich achte mittlerweile recht genau auf meine Wortwahl insbesondere, wenn vorne ein „Ich bin“ steht. Spüre einmal den Unterschied zwischen

„Ich bin Opfer der Situation“
„Ich bin Betroffener der Situation“
„Ich bin Beteiligter der Situation“

Solange du in der Opferrolle bist, kannst du nicht verzeihen. Und ohne verzeihen zu wollen, bleibst du ewig in der Opferrolle. R.D.Enright formuliert es sehr schön:

Nach ihm sind „Unversöhnlichkeit, Bitterkeit, Ressentiments und Wut den vier Mauern einer Gefängniszelle vergleichbar. Vergebung ist der Schlüssel, mit dem [sie] die Gefängnistür öffnen“ kann.

Wieso hat Verzeihen zu 100% mit dir zu tun?

Aus meiner Sicht hat es auf drei Ebenen ausschließlich mit dir selber zu tun. Einerseits bei der Frage: „Wo wird verziehen?“, zweitens beim „Wer hat etwas davon?“ und drittens bei der Frage „Wem muss ich eigentlich verzeihen?“. Diese drei Bereiche schauen wir uns jetzt einmal nacheinander an.

1. Wo wird verziehen?

Damit meine ich nicht den geografischen Ort. Es ist völlig egal, ob es in einem Café, auf dem Jakobsweg oder auf deiner Toilette passiert. Nein, ich meine den tatsächlichen „Ort des Geschehens“ und das ist dein Gehirn, deine Seele, dein Geist, dein Körper. Wichtig ist dabei nicht, ob es für dich „na logo, im Gehirn“ ist, oder „natürlich im Körper, Bauchgefühl und so“. Wichtig ist das kleine Wörtchen davor. Dein.

Denn es passiert bei dir. Nicht beim Gegenüber. Nicht bei deinen Freunden die du um Rat fragst. Nicht bei einer unbeteiligten dritten Person. Wenn es nicht bei dir passiert, passiert es nirgendwo. Die Macht und die Verantwortung für dein Verzeihen liegen ausschließlich bei dir. Damit ist es nichts Reaktives mehr (Ich verzeihe, denn die Entschuldigung klingt ehrlich) sondern etwas aktives (Ich verzeihe, weil ich es will). Ob du verzeihst oder nicht, liegt also komplett bei dir. Nochmal: Die Macht und die Verantwortung liegen bei dir. Aber wieso solltest du es überhaupt tun?

Die Macht und die Verantwortung für dein Verzeihen liegen ausschließlich bei dir.

2. Wer hat etwas vom Verzeihen?

[bctt tweet="„Wut festhalten ist wie Gift trinken und darauf warten, dass der andere stirbt.“ Buddha"]

Dieses Zitat bringt es sehr gut auf den Punkt. Wenn du jemandem noch nicht verziehen hast und infolgedessen wütend, traurig oder verletzt bist, wo genau finden diese Emotionen statt? Bei dir. Nicht bei dem anderen. Ausschließlich bei dir. Du füllst dein Denken, deine Emotionen, dein Leben damit. Oder wie Buddha sagt, du „vergiftest“ dich. Indem du deinen Groll weiter mit dir rumträgst schadest du in allererster Linie einer einzigen Person: dir selbst.

Nun mag der Ein oder Andere sagen, dass das Gegenüber ja mit den Reaktionen auf diese Emotionen klar kommen muss. Oft ist es jedoch so, dass der „Verursacher“ gar nicht mehr anwesend ist. Er merkt also gar nichts davon. Wenn derjenige noch anwesend ist, wollen viele ihn für seine Tat mit Ablehnung und Vorwürfen „bestrafen“. Wenn du jedoch noch Kontakt zu demjenigen hast, sollte es doch auch in deinem Interesse sein, dass ihr ein gutes Miteinander habt. Denn nur eine gute Beziehung tut dir auch gut und hat einen positiven Einfluss auf dein Wohlbefinden und dein Leben. Wenn du den anderen also für sein Verhalten bestrafen willst, bestrafst du am Ende auch wieder dich selber.

Wenn du es jedoch schaffst, zu verzeihen, dann hat es vor allem einen sehr positiven Einfluss auf dich und dein weiteres Leben.

3. Wem wird verziehen?

Na klar, demjenigen, der Schuld an der Verletzung ist. Moment, die Opferrolle haben wir verlassen.

Moment, die Opferrolle haben wir verlassen.

Na klar, dem Gegenüber, der das getan hat, was verziehen werden muss. Dazu möchte ich dir etwas von mir erzählen.

Erste Geschichte: Vor 9 Jahren wurde ich überfallen, fast umgebracht und hatte infolge des Überfalls drei Knieoperationen. Obwohl ich nach wie vor Knieschmerzen habe und diese Nacht niemals in meinem Leben vergessen werde, hege ich keinerlei Groll gegen den „Täter“, bin weder wütend noch verletzt. Sollte ich ihm heute begegnen, würde ich ihn auf einen Kaffee einladen und ihn nach seiner Version der Geschichte befragen. Denn den Teil kenne ich nicht und finde ihn wahnsinnig spannend.

Zweite Geschichte: Vor einigen Jahren hatte ich eine Beziehung, die mir nicht gut getan hat. Und mit dieser Beziehung hatte ich lange Zeit nicht abgeschlossen. Eines Morgens auf dem Weg zur U-Bahn fragte ich mich, wie das sein kann. Wie kann ich etwas, das mich fast das Leben gekostet hat, verzeihen, die Zeit dieser Beziehung jedoch nicht? Den darauf folgenden, äußerst faszinierenden und spannenden, jedoch etwas konfusen Gedankendialog möchte ich dir an dieser Stelle ersparen. Die Erkenntnis daraus will ich dir jedoch nicht vorenthalten.

Der Unterschied war ein ganz einfacher: Mein Verhalten im Rahmen des Überfalls habe ich verstanden und habe mir daraus keinen Vorwurf gemacht. In Bezug auf die Beziehung habe ich mich jahrelang gefragt „Wieso bin ich so lange geblieben? Wie konnte ich das nur mitmachen?“. Ich habe mein Verhalten erstens nicht verstanden und zweitens habe ich es mir selber vorgeworfen. Der Unterschied lag also nicht in dem, was mein Gegenüber gemacht hat, sondern darin, wie ich im Nachhinein mit meiner Reaktion umgegangen bin. Aus meiner Sicht trifft das eigentlich auf jede Situation zu.

Ich habe alle Situationen die für mich noch nicht abgeschlossen waren dahingehend überprüft. Und es ging immer darum, dass ich mit meiner damaligen Reaktion, mit meinem damaligen Ich nicht im Reinen war. Dass ich mir selber etwas vorgeworfen habe.

Überprüfe das einmal für eine deiner Situationen. Verstehst du dein Verhalten? Bist du mit deinem Verhalten im Reinen? Geht es wirklich darum, was der andere getan hat oder darum, wie du reagiert oder eben auch nicht reagiert hat? Geht es vielleicht um die Fragen „Wieso habe ich das mitgemacht? Wieso habe ich keine Grenzen gesetzt? Wieso habe ich nichts dagegen getan?“

Es geht also gar nicht unbedingt darum, dem anderen zu verzeihen, sondern dir selber zu verzeihen. Das heißt nicht, dass du schuld daran bist, was passiert ist. Ich habe mir zum Beispiel niemals die Schuld an dem Überfall gegeben. Ich musste mein Verhalten jedoch verstehen um es dann ohne Vorwürfe anzunehmen. Du musst jedoch dein damaliges Verhalten, dein damaliges Ich verstehen. Dann kannst du mit dir wieder ins Reine kommen.

Und wenn du diesen Teil geschafft hast, ist das Thema meist erledigt.

Und wie verzeihe ich jetzt?

Zu verstehen, was es mit dem Verzeihen auf sich hat, ist der erste Schritt. Das allein bringt einen aber nicht immer weiter. Deshalb gehe ich in einem zweiten Artikel darauf ein, wie du ganz konkret lernen kannst zu verzeihen und loszulassen. Du findest ihn hier.

Jetzt bin ich aber erstmal neugierig, wie du das Thema Verzeihen siehst. Kannst du meine Sichtweise nachvollziehen? Siehst du es vielleicht ganz anders? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Erzähle es mir in den Kommentaren.

Alles Liebe, deine Esther

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